Die Jagd nach Perfektion

Wie viele deiner Kollegen verbringen ihren Tag mit der Jagd nach Perfektion? Oder besser gesagt, wie viele verbringen ihren Tag damit Fehler zu vermeiden?

Fehlerfreiheit ist was die meisten wollen. Die Richtlinien einhalten, dann besteht auch kein Grund zur Aufregung.

Wir wurden seit der ersten Klasse darauf trainiert Fehler zu vermeiden. Das Ziel jeder Klassenarbeit war möglichst 100 Prozent zu erreichen. Keine Fehler und man bekam eine eins.

Wenn man dann ein Studienabschlusszeugnis in die Hand bekommt können etliche 1er dabei sein, aber gesprochen wird über die Ausreißer.

Wir suchen perfekte Leute, managen hin zur Perfektion, messen und belohnen Perfektion.

Warum wundern wir uns also, dass die meisten Leute damit beschäftigt sind die 100% zu erreichen. Warum wundern wir uns über typische Nebenwirkung des Leistungswahn wie Stress (Kaluza 2018)?

Das ist Problem ist einfach: Kunst ist nie perfekt. Doch wir brauchen kreative neue Lösungen. Kunst ist bemerkenswert weil sie nicht dem Standard entspricht. Standard wiederum ist Routine und damit leicht zu ersetzen. Und leicht zu ersetzen gerät unter Druck.

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Hausarbeit, Kunst und Terrorismus

Das Problem mit der Hausarbeit ist, dass sie im Gegenteil zur Kunst keine besondere Aufmerksamkeit erhält. Sie ist notwendig, fällt aber erst auf, wenn sie nicht erledigt wird.

Wenn der Müll stinkt, der Papierkorb überquillt, oder die Spüle vollgestellt ist, dann ist sie oft direkter Grund zur Aufregung. Sie bekommt sonst aber wenig Anerkennung.

Auch auf der Arbeit erledigen wir überwiegend Hausarbeit – regelmäßige Meetings, der jour fixe, wiederkehrende Reportings bis zur virtuellen oder tatsächlichen Fließbandarbeit. Erst wenn diese Routineaufgaben nicht erledigt werden gibt es Grund zur Aufregung. Dann gibt es Grund für das “Management der Exception”.

Aber es gibt auch gute Gründe zur Aufregung. Und zwar durch den Gegenspieler zur Hausarbeit, die Kunst.

Künstler hinterfragen Konventionen und damit die Routinearbeit. Dadurch fallen sie auf.

“Es dürfte eine der wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen von Kunst sein, dass sie paradox die Regeln der gewohnten Ordnung dadurch ins Bewusstsein rücken, dass sie von ihnen abweichen.”

– Fritz B. Simon

Zu den Künstlern zählen wir üblicherweise den Maler und Bildhauer, den Dichter und die Architektin. Von hier aus ist es ein kurzer Weg zu Film und Fotographie, Performance, Industrie-Design, Mode, Druck und Datenverarbeitung.

Die neuen Künste

Seth Godin benennt zudem die neuen grundlegend persönlichen Künste: Das Unternehmertum, Customer Service, die Erfinder & Techies, Vermittler und die Führung.

Hinzu zähle ich Eltern, Erzieher, Lehrer, Trainer und Coaches die neue Lösungen für alte Probleme finden wollen.

Wir brauchen diese neuen Künste; und Künstler, die sie ausüben. Hier geht es nicht um bärtige Männer (oder Frauen) und komische Hüte. Es geht um Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich darum kümmern, dass wir Neues wagen.

In einem Krankenhaus, in dem pro Jahr mehr als 1800 Kinder geboren werden, kann man von Routinearbeit ausgehen. Wenn Hebammen und Ärzte es aber schaffen auf jegliche Wünsche einzugehen und Moment zu Moment neu nach diesen Wünschen zu planen ist das für mich Kunst.

Ein Kundenberater, der selbst nach 100 Telefonaten den nächsten Kunden aufrichtig fragt wie es ihm geht ist eine Rarität.

Der Geschäftsführer, der sich immer wieder hinterfragt und Alternativen direkt erprobt ist ein Künstler.

“Verhalten, das bisher noch nicht da war, Ideen, die bisher nicht gedacht wurden (warum auch immer), Perspektiven und Sichtweisen, die neu sind und die kollektiven Wirklichkeitskonstruktionen  “irritieren”. Auf diese Weise werden alte, nicht hinterfragte Wahrheiten zunächst erst einmal bewusst, des Weiteren aber auch diskutier- und veränderbar.”

– Fritz B. Simon

Es gibt aber einen Unterschied zwischen Kunst und forcierter Veränderung. Denn auch Terroristen versuchen Veränderungen zu verwirklichen.

Dabei fehlt ihnen aber jegliches Gespür für vorherrschende Regeln. Zumindest zeigen sie es nicht. Stattdessen verbreiten sie Chaos und Schrecken wo ein Künstler geschicktere Methoden wählt.

Es ist keine Kunst, wenn sich die Dinge nicht ein kleines bisschen verändern. Und es ist keine Kunst ohne gute Absichten.

„It’s not art if the world (or at least a tiny portion of it) isn’t transformed in some way. And it’s not art if it’s not generous.“

– Seth Godin

Wohlwollen ist Mangelware, stattdessen überschwemmen durchschnittliche Produkte die Märkte. Das eröffnet Künstlern eine Chance. Möglicherweise, die einzig erwähnenswerte Chance.

Herzschrittmacher & Ratschläge: 3 typische Reaktionen

Es gibt verschiedene Gründe bei jemandem einen Herzschrittmacher einzusetzen. Grundsätzlich lässt sich damit eine Leistungssteigerung erhoffen, wenn man auch vom Risiko einer Abstoßung ausgehen muss.

Ähnlich ist es bei Ratschlägen. Trotz guter Absichten zeigen sich oft Nebenwirkungen.

In beiden Fällen kann daher mit mindestens drei möglichen Reaktionen gerechnet werden:

  1. Der Herzschrittmacher könnte abgestoßen werden. Der gute Ratschlag ebenso.
  2. Der Herzschrittmacher könnte die Arbeit des Herzens weitgehend übernehmen und würde damit das eigene Herz schwach und abhängig machen. Für unsere Ratschläge finden sich manche, die sie gerne annehmen und umsetzen. Der Ratgeber ist damit voll in der Verantwortung für den Ratnehmer, die richtigen Lösungen zu präsentieren. Mit viel Übung entstehen unselbstständige und entscheidungsmüde Menschen. Individuelle Qualitäten gehen damit wahrscheinlich verloren.
  3. Der Herzschrittmacher könnte nur kurzfristig übernehmen. Sobald er nicht mehr eingeschaltet ist, läuft das Leben ruhig und in gewohnten Bahnen weiter wie eh und je. Was bedeutet das bezogen auf das Beispiel der klugen Ratschläge? Sie werden gehört, sie werden beachtet – solange der Ratgebende da ist. Sobald es sich kurzzeitig anderen Themen zuwendet, kommt alles Denken wieder in die gewohnten Bahnen, man darf wieder wie gewohnt handeln.

Wenn wir das Austeilen von Ratschlägen mit dem Einsetzen eines Herzschrittmachers vergleichen wird deutlich, dass man dabei sehr vorsichtig vorgehen muss. Ich glaube auch, wir müssen den gesunden Menschenverstand voraussetzen und folglich davon ausgehen, dass Ratschläge und Hilfe gewünscht sein müssen. Sonst werden sie abgestoßen (oder übernehmen das Ruder – und das würde heißen wir müssten immer wieder mit guten Ratschlägen glänzen).

Drei Bedingungen für erfolgreiche “Eingriffe” von Sonja Radatz: 1) Eine Erlaubnis muss eingeholt sein. 2) Man muss sich an den Rhythmus des Gegenübers anpassen. 3) Es braucht Zeit, damit Denk- und Handlungsmuster sich anpassen können.

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