Die Jagd nach Perfektion

Wie viele deiner Kollegen verbringen ihren Tag mit der Jagd nach Perfektion? Oder besser gesagt, wie viele verbringen ihren Tag damit Fehler zu vermeiden?

Fehlerfreiheit ist was die meisten wollen. Die Richtlinien einhalten, dann besteht auch kein Grund zur Aufregung.

Wir wurden seit der ersten Klasse darauf trainiert Fehler zu vermeiden. Das Ziel jeder Klassenarbeit war möglichst 100 Prozent zu erreichen. Keine Fehler und man bekam eine eins.

Wenn man dann ein Studienabschlusszeugnis in die Hand bekommt können etliche 1er dabei sein, aber gesprochen wird über die Ausreißer.

Wir suchen perfekte Leute, managen hin zur Perfektion, messen und belohnen Perfektion.

Warum wundern wir uns also, dass die meisten Leute damit beschäftigt sind die 100% zu erreichen. Warum wundern wir uns über typische Nebenwirkung des Leistungswahn wie Stress (Kaluza 2018)?

Das ist Problem ist einfach: Kunst ist nie perfekt. Doch wir brauchen kreative neue Lösungen. Kunst ist bemerkenswert weil sie nicht dem Standard entspricht. Standard wiederum ist Routine und damit leicht zu ersetzen. Und leicht zu ersetzen gerät unter Druck.

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Herzschrittmacher & Ratschläge: 3 typische Reaktionen

Es gibt verschiedene Gründe bei jemandem einen Herzschrittmacher einzusetzen. Grundsätzlich lässt sich damit eine Leistungssteigerung erhoffen, wenn man auch vom Risiko einer Abstoßung ausgehen muss.

Ähnlich ist es bei Ratschlägen. Trotz guter Absichten zeigen sich oft Nebenwirkungen.

In beiden Fällen kann daher mit mindestens drei möglichen Reaktionen gerechnet werden:

  1. Der Herzschrittmacher könnte abgestoßen werden. Der gute Ratschlag ebenso.
  2. Der Herzschrittmacher könnte die Arbeit des Herzens weitgehend übernehmen und würde damit das eigene Herz schwach und abhängig machen. Für unsere Ratschläge finden sich manche, die sie gerne annehmen und umsetzen. Der Ratgeber ist damit voll in der Verantwortung für den Ratnehmer, die richtigen Lösungen zu präsentieren. Mit viel Übung entstehen unselbstständige und entscheidungsmüde Menschen. Individuelle Qualitäten gehen damit wahrscheinlich verloren.
  3. Der Herzschrittmacher könnte nur kurzfristig übernehmen. Sobald er nicht mehr eingeschaltet ist, läuft das Leben ruhig und in gewohnten Bahnen weiter wie eh und je. Was bedeutet das bezogen auf das Beispiel der klugen Ratschläge? Sie werden gehört, sie werden beachtet – solange der Ratgebende da ist. Sobald es sich kurzzeitig anderen Themen zuwendet, kommt alles Denken wieder in die gewohnten Bahnen, man darf wieder wie gewohnt handeln.

Wenn wir das Austeilen von Ratschlägen mit dem Einsetzen eines Herzschrittmachers vergleichen wird deutlich, dass man dabei sehr vorsichtig vorgehen muss. Ich glaube auch, wir müssen den gesunden Menschenverstand voraussetzen und folglich davon ausgehen, dass Ratschläge und Hilfe gewünscht sein müssen. Sonst werden sie abgestoßen (oder übernehmen das Ruder – und das würde heißen wir müssten immer wieder mit guten Ratschlägen glänzen).

Drei Bedingungen für erfolgreiche “Eingriffe” von Sonja Radatz: 1) Eine Erlaubnis muss eingeholt sein. 2) Man muss sich an den Rhythmus des Gegenübers anpassen. 3) Es braucht Zeit, damit Denk- und Handlungsmuster sich anpassen können.

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Unsere kleinen Laster

Was wir als kleine Laster sehen kann schnell zu ausgewachsenen Zwängen werden.

Wir starten den Tag mit einer Tasse Kaffe, vielleicht zwei, und bald kommen wir ohne Kaffee gar nicht in die Puschen. Wir checken unsere Emails, weil es Teil des Jobs ist und bald schon spüren wir das Phantom-Vibrieren, obwohl wir keine neue Mail bekommen haben. Schnell bestimmen kleine Laster unser Leben.

Kleine Zwänge reduzieren nicht nur unsere Freiheiten und die “Herrschaft” über uns selbst, sie schmälern auch unsere Klarheit. Wir denken wir haben es unter Kontrolle, aber ist das wirklich so?

Man sagt, Sucht ist, wenn du nicht mehr die Finger davon lassen kannst, wenn du die Freiheit verloren hast enthaltsam zu sein oder nein zu sagen.

Lasst uns diese Freiheiten zurückfordern. Zwänge können heute sehr unterschiedlich ausfallen. Ist es die digitale Leine? Kaffee? Drogen? Gejammer? Getratsche? Fingernägel-Kauen? Gin-Tonic? Der Dopamin-Kick? In jedem Fall müssen wir unsere Fähigkeit zurückfordern zu enthalten und nein zu sagen. Denn sonst verlieren wir an Klarheit und Selbstkontrolle.

Schon die alten Stoa haben etwa vor 2000 Jahren darüber geschrieben. So z.B. Seneca:

“We must give up many things to which we are addicted, considering them to be good. Otherwise, courage will vanish, which should continually test itself. Greatness of soul will be lost, which can’t stand out unless it disdains as petty what the mob regards as most desirable.”

– Seneca, Moral Letters

Viele kleine Laster, die wir für gut halten, schaden uns auf lange Sicht. Könnte es daher sein, dass sie gar nicht so klein sind?

Lese-Hinweise

Unser fundamentaler Denkfehler

Wenn jemand ein Projekt gegen die Wand fährt, dann ist das, weil er ist wie er ist. Wir erlangen einen tiefen Einblick in seine Persönlichkeit, seine Erziehung und seine Kompetenz. Man muss ihn kündigen, sonst kommt man auf keinen grünen Zweig.

Was wenn wir uns mit diesem Urteil irren?

Der eine ist aggressiv. Der andere ist gestresst. Der nächste hat ein großes Chaos auf dem Schreibtisch. Diese Dinge werden schnell auf die Persönlichkeit reduziert. Oft zu schnell und unüberlegt.

Der fundamentale Attributionsfehler lässt uns konsequent persönliche Eigenschaften als Ursache von Verhaltensweisen überschätzen, wenn äußere Faktoren genauso eine Rolle spielen. Oder möglicherweise sogar wichtiger sind.

Das heißt, wir urteilen oft falsch über die Ursachen eines Ergebnisses oder Verhaltens.

Es handelt sich um einen systematischen Denkfehler. D.h., wir irren immer wieder in die selbe Richtung, so Rolf Dobelli.

Dobelli greift in diesem Zusammenhang eine Studie der Duke University auf. Diese untermauert, dass wir selbst mit dem Wissen um äußere Einflussfaktoren persönliche Faktoren überbewerten:

„Forscher der Duke University führten 1967 folgendes Experiment durch. Ein Redner hielt eine flammende Rede für Fidel Castro. Die Versuchspersonen wurden informiert, dass dem Redner die Rede unabhängig von seiner politischen Ansicht zugeteilt worden war, er verlas nur einen ihm vorgelegten Text. Trotzdem waren die meisten Zuhörer der Ansicht, die Rede spiegle die Meinung des Redners wider. Sie machten seine Persönlichkeit für den Inhalt der Rede verantwortlich, und nicht externe Faktoren, also die Professoren, die sie ihm in den Mund gelegt hatten.“

Mit dem Ziel sich schnell orientieren zu können und schnelle Antworten zu bekommen hilft der Attributionsfehler unserem Gehirn. Werden Entscheidungen schnell gefällt, lassen sich Ressourcen sparen. Dabei wird die eigene Logik kaum hinterfragt. Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, werden nicht richtig geprüft.

Der hungrige Richter in uns fällt pauschal das schlimmere Urteil.

Psychologisierung am Arbeitsplatz

Am Arbeitsplatz führt dies zur Psychologisierung und in weiten Teilen Pathologisierung, so Reinhard Sprenger:

“Über all lauern Deformationen, Abweichungen von der Norm, mindestens Verstiegenheiten.”

Aus dieser Sicht, gibt es überall Mitarbeiter, die halb vollen Gläsern gleichen. Führungskräfte und die Trainingsabteilung rennen mit einem großen Krug Wasser durch das Unternehmen, um diese halb vollen Gläser zu füllen. Ein bisschen Training hier. Ein bisschen Schulung da.

Selbst ernste Themen wie ein Burnout werden auf einer individualpsychologischen Ebene abgehandelt und weg delegiert, so Olaf Hinz:

Dabei gibt es für mich keinen Zweifel: „Burn-out“ existiert und Personen leiden darunter. Jedem Einzelnen, der/die von der Erkrankung „Burn-out“ betroffen ist, muss durch professionelle Begleitung geholfen werden.

Wenn aber zur gleichen Zeit nicht auch auf die Organisation, die Struktur, die Strategie, die Führung, die Anreize, die Ressourcenausstattung etc. geschaut wird, ist das schlechte Unternehmensführung!“

Kommt jemand nach einer Auszeit wieder in ein Unternehmen, das an den Arbeitsbedingungen nichts geändert hat, so besteht ein großes Rückfall-Potenzial.

Es ist offensichtlich, dass sichtbare Eigenschaften keinen direkten Zusammenhang zum Verhalten haben, so Seth Godin. Doch tun wir immer wieder so und schreiben damit eine Menge Potenzial ab. Zudem setzen wir immer wieder am falschen Punkt an und lassen wirkliche Ursachen unangetastet.

Lese-Hinweise